Hithtorischeth Plymouth

Weil ich so genügsam bin, freue ich mich selbst in meinem sechsten Jahr England-Urlaub immernoch ganz hemmungslos, wenn sich mir diese Insel genauso präsentiert, wie es die Illustrationen im Englischbuch kontinuierlich zwischen der fünften und dreizehnten Klasse versprochen hatten. Das muss dann natürlich sofort fotografiert werden:

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An diesem Wochenende führte mich ein spontaner Hänschenklein-Wandertag nach Plymouth in Devon. Ich war schonmal in Plymouth, allerdings in Massachusetts, eine Partnerstadt in wahren Sinne: Von dem englischen Plymouth aus waren 1620 die Pilgrims auf ihrer Mayflower losgesegelt, weil man hier ihrer Religion gegenüber etwas intolerant war und sie lieber irgendwo in Ruhe gelassen werden und selber mal anderen gegenüber intolerant sein wollten. Wohl in einem Anflug von Heimweh haben sie ihren Ankunftsort in Massachusetts dann auch gleich “Plymouth” genannt. Inkonsequent, wie ich finde. Kreativer war da schon mein guter alter Held Captain James Cook, der 1772 von Plymouth losgemacht und so ziemlich alles im und um den Südpazifik herum entdeckt (Tonga!) und liebevoll mit originellen Namen versehen hat (Cape Tribulation! Repulsive Bay! Long Nose! Thirsty Sound!).

Und ich habe noch mehr gelernt: Nicht nur die Mayflower hat von Plymouth aus eine Reise angefangen, die die Welt verändert hat: Von hier ist 1588 die englische Flotte, feat. Sir Francis Drake, losgezogen um der spanischen Armada ordentlich in den Arsch zu treten und die englische Weltherrschaft seinerzeit einstweilen sicherzustellen (wer weiß, welche Sprache heute von Fluglotsen, Topmanagern und Hafennutten gesprochen würde, wenn das anders ausgegangen wäre?). Ausserdem hat Charles Darwin 1831 in Plymouth sein Around-The-World-Ticket eingelöst und auf der HMS Beagle eingecheckt, um sich mal alle Tiere von hier bis Galapagos genauer anzuschauen und mit seinen Schlussfolgerungen dann so richtig Staub aufzuwirbeln. Plymouth hat also ein paar  Geschichten zu erzählen und für jede die angemessene Skulptur und/oder Gedenktafel installiert.

Gefreut habe ich mich über eine kurze Begegnung mit zwei bilderbuchfähigen Mormonen-Missionaren (Hemd, Schlips, Rucksack, Namensschild). Die wiederum haben sich gewundert über meine Freude und mein interesseloses Wohlwollen. Ein paar hundert Jahre nach der Mayflower kommen nun also die Amerikaner in religiösen Angelegenheiten zurück nach Plymouth. Die historische Ironie ist mir erst später aufgefallen.